Emmas Flucht

Der Plot ist banal: Dame der Oberschicht lebt im goldenen Käfig, tut, was man von ihr erwartet, umgeben von kaltem Reichtum. Dann lernt sie einen Freund ihres Sohnes kennen und alles wird anders. Zunächst ist sie entzückt von seinen Kochkreationen, doch – wie vorauszusehen war – Liebe und Leidenschaft folgen. Ein ungeheuer langweiliges Gesellschaftsmelodram kommt in Gang. Nein, ganz und gar nicht.

Tilda Swinton spielt in „Io sono l‘amore“ (deutscher Verleihtitel: I am love – haha) Emma, die russischstämmige Gattin eines italienischen Textilmagnaten, deren Job ist es, das gesellschaftliche Leben der Familie reibungslos zu organisieren. Schauplatz ist die ungeheuer stilvolle, aber sterile Villa der Sippe.

Parallel zu Antonios Erscheinen bricht die heile Klassenwelt auseinander; Emma beginnt ihr Leben und ihren Status in Frage zu stellen. Ist wie aus einem Groschenroman oder nicht? Und dennoch: Ich habe schon lange keinen Film mehr gesehen, der mich am Ende so verwirrt zurückließ, der so souverän sein Ziel erreicht: Drama, Spannung, große Gefühle.

Ein Highlight ist die fabelhafte Liebesszene auf der Wiese. Erinnert sich jemand an die erotische Szene in „Don’t look now“? Hier gibt es ebenbürtiges.

Wohl für lange Zeit wird mir das Schlussbild im Gedächtnis bleiben: Emma ist im Begriff, ihr altes Leben hinter sich zu lassen. Sie steht in der Halle der Villa, atemlos, für einen kurzen Moment erstarrt wie ein im Kegel eines Autoschweinwerfers geblendetes Reh. Ein Blick noch zwischen ihr und ihrer Tochter, dann ist sie verschwunden.

Wir sehen eine Tragödie russischer, griechischer oder Shakespeare’scher Güte, doch die Sogwirkung erzielt „Io sono l‘amore“ durch den brillanten Einsatz filmischer Mittel. Regisseur Luca Guadagnino – der mir bisher unbekannt war – hat ganz großes Kino geschaffen. Und Tilda Swinton ist einfach wunderbar. Bitte seht euch diesen Film an. Er ist ein Meisterwerk.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Film abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s